Sophie Walz, Operndirektorin und Dramaturgin der Oper «Die Verwandlung», gibt Einblick in die Entstehung der Uraufführung.
Eines Morgens erwacht Gregor Samsa als Käfer und nichts ist mehr, wie es war. Mit «Die Verwandlung» schuf Franz Kafka ein Werk, das sich tief ins kulturelle Gedächtnis eingebrannt hat. Kaum ein Text des 20. Jahrhunderts hat die Krankheiten der Moderne – Entfremdung und Isolation – so eindringlich offenbart. Nun wird dieses literarische Jahrhundertwerk zur Oper.
Das Besondere an der Oper von Gordon Kampe ist der konsequente Perspektivwechsel. Grundlage bildet die Schauspielfassung von Philipp Löhle, in der nicht Gregor Samsas Blick aus dem Zimmer im Zentrum steht, sondern das Geschehen auf der anderen Seite der Tür. Vater, Mutter, Schwester und Dienstmädchen erleben wir dabei, wie sie sich Schritt für Schritt vom verwandelten Gregor entfernen und wie in derselben Wohnung eine Nicht-Person, ein NichtOrt entsteht. Gordon Kampe kreiert für diese «Verwandlung» eine temporeiche, eingängige Komposition, durchwoben von einem skurril klingenden Käfer-Quartett.
Mit der Weltpremiere dieser neuen Oper, in der sich die Kraft der Literatur mit musikalischer Raffinesse und einer eindringlichen szenischen Welt zu einem Gesamtkunstwerk verbindet, eröffnen wir die Saison 2026/27.
Theater Winterthur
Theaterstrasse 6, 8400 Winterthur
MUSIKALISCHE LEITUNG
Ivan Demidov
INSZENIERUNG
André Bücker
BÜHNE
Felix Weinold
KOSTÜME
Aleksandra Kica
VIDEO
Alexander Hügel
LICHT
Marco Vitale
DRAMATURGIE
Sophie Walz
CHOREOGRAFIE
Helena Sturm
Fotos: Jan-Pieter Fuhr
Erfahren Sie mehr über unsere Eröffnungsproduktion am kostenlosen Probeneinblick in die Bühnenorchesterprobe am 11. September.
Für alle ab 12 Jahren.
U30-Special: Tickets und einen Drink an der Bar zum halben Preis für alle unter 30 Jahren.
Mit Unterstützung der Fachstelle Kultur des Kantons Zürich (Kulturfonds), der S. Eustachius Stifung und der Lazarus Stiftung.
Koproduktion mit dem Staatstheater Augsburg und dem Musikkollegium Winterthur
In deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln.
Preis: CHF 95, 80, 60
«Ich (...) pflüge mich wie ein Trüffelschwein durch die Möglichkeiten. Gerade weil die Geschichte so beklemmend ist, wollte ich ihr nicht ausschliesslich mit einer düsteren musikalischen Sprache begegnen. Operette, Musical und Kabarett erlauben eine andere Form der Zuspitzung: Sie können etwas leicht, komisch oder sogar absurd erscheinen lassen – und dadurch oft erst recht etwas Unheimliches sichtbar machen.»
Interview mit Gordon Kampe; Der Landbote, Helmut Dworschak
«Das Stück braucht die äussersten Möglichkeiten des Ausdrucks»
Gordon Kampe und Philipp Löhle erzählen im Gespräch mit concerti.de/concerti.ch von beschädigten musikalischen Formen sowie der Komik des Schreckens und des Ungeheuerlichen.
Hier gehts zum Interview auf concerti.de
Die zentrale Frage: Was passiert mit einer Familie, wenn ein Mitglied plötzlich als Käfer erwacht? «Diese Umkehrung fand ich einfach packend», sagt Guglielmetti. Auch Bücker ist begeistert von Löhles Version und beschreibt sie als «verblüffend, unterhaltsam und äusserst komisch».
WNTI, Sebastian Galli
Als Sie gefragt wurden, ob Sie Kafkas «Verwandlung» vertonen wollen — hatten Sie sofort Lust oder sofort Angst?
Beides gleichzeitig. Erst dachte ich natürlich: Wahnsinn, klar, Kafka, Weltliteratur, mega! Und direkt danach: Oh Gott, das ist so bekannt ... Jede:r hat das irgendwann gelesen oder zumindest behauptet, es gelesen zu haben.
Da sitzt sofort dieser riesige Kafka mit im Raum — einer der grössten Literaten ever. Ich hatte wirklich ein Jahr lang das Gefühl, Franz Kafka steht mit verschränkten Armen neben meinem Schreibtisch, droht mir mit seiner Genialität und schaut streng auf mich herunter.
Wie wird man diesen Kafka wieder los?
Irgendwann musste ich ihn innerlich abknallen. Anders ging’s nicht. Am Anfang dachte ich noch: Jetzt musst du besonders klug werden und besonders tief graben. Ich habe mir ganz ernsthaft stapelweise Interpretationshilfen bestellt, zehn Meter Lektüre-Sekundärliteratur. Und dann habe ich relativ schnell gemerkt: Wenn ich versuche, alles richtig zu machen, wird es tot. Die Rettung war dann Philipp Löhle, der das Libretto geschrieben hat. Sein Zugriff auf den Stoff war viel freier. Nicht dieses heilige Eins-zu-eins-Nacherzählen von Kafka, sondern eher ein Spiel mit der Situation.
Die Musik verwandelt sich auch stilistisch permanent: Operette, Musical, Requiem, Kabarett. Warum?
Mich interessiert keine saubere musikalische Einheitlichkeit. Ich mag Brüche. Wenn plötzlich mitten im düsteren Kafka-Stoff ein völlig bescheuerter Operettenwalzer auftaucht oder eine cheesy Musicalnummer beginnt, dann wirkt das sehr kurzweilig und klingt ein bisschen nach kaputtem Wozzeck. Alles ist eine Mischung aus Lüge und Übertreibung. Das Dienstmädchen Anna zum Beispiel, meine Lieblingsfigur, bekommt plötzlich eine riesige Arie über New York, das klingt dann fast nach Broadway.